Freiburger Geschichte und Geschichten aus Freiburg

Schusterstrasse nach 1935

Schöne Darstellung der Schusterstraße. Das Aufnahmedatum ist leider nicht bekannt. Die Aufnahme muß aber nach 1935 sein, da auf dem Bild Bereits das Schild der Firma Rees zu sehen ist, die erst 1935 gegründet wurde.

Wer etwas mehr zur Geschichte der Firma Leder Rees wissen möchte ist bei dem Artikel der Badischen Zeitung gut aufgehoben: http://www.badische-zeitung.de/freiburg/ich-bin-leder–37356262.html

Für dieses Bild danken wir unserem Facebook-Fan Tina Bächle.

Schusterstrasse

5 Kommentare

  1. David HarnaschDavid Harnasch

    Wobei natürlich die einzige relevante Information im BZ-Artikel fehlt: Nämlich die Frage, ob der Laden 1935 zu den damals „üblichen Konditionen“ den Besitzer wechselte – Also unter Ausnutzung der Notlage des rechtmäßigen jüdischen Besitzers in Lebensgefahr und unter dem Druck, die „Reichsfluchtsteuer“ aufzubringen zu einem Bruchteil des eigentlichen Wertes. Dies herauszufinden und ggf. die Erben zu entschädigen wäre eine Aufgabe für die heutige Besitzergeneration. Die sie ja vielleicht schon lange erfolgreich angegangen sind – man weiß es nicht, die BZ verrät es nicht.

    1. Thomas WolfThomas Wolf

      „Im Unterschied zu anderen „Arisierungen“ soll der Verkauf an den Angestellten Eugen Rees fair abgelaufen sein.“ Hier der vollständige Text: DER LEDERHÄNDLER UND STADTVERORDNETE MAX MAYER (D 3)
      Nicht weit entfernt vom Münster in der Schustergasse 23 hatte Max Mayer seinen
      Lederhandel. Max Mayer gehörte der reformierten Richtung des Judentums an. Die
      Familie war in das gesellschaftliche Leben der Stadt integriert; seine Tochter Lotte
      besuchte das Goethe-Gymnasium am Holzmarkt, Max Mayer engagierte sich auch
      politisch: Seit 1911 war er für die SPD Mitglied im Bürgerausschuss. Der
      Reichstagsbrand bot den Nationalsozialisten, die auch in Freiburg 1933 die Herrschaft
      an sich genommen hatten, den Vorwand, die Sozialdemokraten zu verhaften. Max Mayer
      sah sich Ende März 1933 gezwungen, seine kommunalpolitischen Ämter nieder zu
      legen. Zwei Jahre später wurde er zum Verkauf seiner Lederhandlung genötigt, die damit
      „arisiert“ wurde. Im Unterschied zu anderen „Arisierungen“ soll der Verkauf an den
      Angestellten Eugen Rees fair abgelaufen sein. In der Reichspogromnacht am 9.
      November wurde Max Mayer, wie 136 andere Freiburger Juden, 1938 ins KZ Dachau
      verschleppt.
      Aus der Haft im Konzentrationslager Dachau kehrte er nach einigen Wochen an Körper
      und Seele versehrt nach Freiburg heim. Max Mayer gelang gemeinsam mit seiner Frau
      die Flucht aus Deutschland, zunächst in die Schweiz, dann über Portugal in die USA.
      Seine Tochter Lotte Paepcke wurde gemeinsam mit ihrem Sohn Peter im Kolleg St.
      Sebastian in Stegen bis 1945 versteckt. Nach dem Tod seiner Frau Olga kehrte Max
      Mayer zu seiner Tochter nach Freiburg zurück, wo er 1962 verstarb. Er ist auf dem
      jüdischen Friedhof begraben.
      Literatur:
      Paepcke, Lotte/Mayer, Max: Ein kleiner Händler, der mein Vater war: eine deutsch-jüdische Geschichte.
      Mit einem Brief an seinen Enkel Peter aus dem Jahr 1938/von Max Mayer. – Freiburg im
      Breisgau/Basel/
      Böhme, Rolf/Haumann, Heiko: Das Schicksal der Freiburger Juden am Beispiel des Kaufmanns Max
      Mayer und die Ereignisse des 9./10. November 1938: in der Vergangenheit liegt die Kraft für die
      Zukunft, 1. Aufl.. – Freiburg i. Br. : Schillinger, 1989. Reihe: (Stadt und Geschichte ; 13)
      Haumann, Heiko: Das Schicksal der Juden, in: Haumann, Heiko/Hans Schadek (Hg.): Geschichte der
      Stadt Freiburg, 2. Aufl. 2001, Band 3,S. 325-339.

      DER LEDERHÄNDLER UND STADTVERORDNETE MAX MAYER (AB 3)
      Die Verschleppung ihres Vaters in das Konzentrationslager Dachau am 9. November 1938
      und die weiteren Folgen beschreibt Lotte Paepcke:
      M1
      Dann klingelte es in der Nacht. Zwei Männer kamen den Vater holen. Es war der 9.
      November, und der Vater kam ins KZ. Das Datum, das Wort und seine Abkürzung waren
      noch nicht geläufig damals, und erst während Stunden, während Tagen begriff man, dass
      sich das, was nun begann, ein Pogrom nannte. Die Synagogen brannten. Die Juden selbst
      hätten sie angezündet, sagten die Gestapomänner in der Nacht. Das war deutlich und nackt
      der bare Unsinn, nicht einmal der Versuch einer Rechtfertigung oder Ausrede. Es war die
      Legitimierung der Lüge als Vernichtungsmittel. Wer sie aussprach, wusste, dass er log, wer
      sie hörte und las, wusste, es war gelogen, aber dies war belanglos. Es wäre niemand mehr
      auf den Gedanken gekommen, hier ein Wort beim Wort zu nehmen. Alle verstanden:
      Untergang.
      Der Vater war fort, verschwunden, ohne eine Spur zu hinterlassen. Er konnte in der Stadt
      sein oder in der Umgebung. Er konnte auf einem Transport sein oder tot. In den nächsten
      Tagen war unser Haus voll von verstörten, weinenden Frauen Töchtern, Schwestern
      abgeholter Männer, Väter, Brüder. (…)
      Dann erfuhr man das Wort „Dachau“, und man könne warme Sachen schicken. Die
      weinenden Frauen trafen sich nun vor der Gepäckrampe des Güterbahnhofes. Zwei
      Frachtgutangestellte nahmen diese Schachteln und Koffer und Pakete, alle unter derselben
      Adresse an viele Männer mit Vornamen „Israel“ kurz und barsch entgegen. Es war, als
      wären sie Boten eines Hades, Zwischenweltengel in Uniform, vielleicht wissend, aber
      unansprechbar.
      Man ging wieder heim, den langen Weg über die Eisenbahnbrücke, durch die
      Markgrafenstraße über den Münsterplatz ins Haus. Alles schien wie immer. Und wenn ein
      Unwissender nach dem Vater fragte, so sagte man, er sei verreist. Das Wort „verreist“ hatte
      sich ganz von selbst eingestellt, es war eine ebenso klare Lüge wie der Synagogenbrand,
      den die Juden entfacht hätten. Aber in dem Bereich des blinden Flecks, der das
      Verschwinden des Vaters bedeutete und anzeigte, gab es keine adäquate Sprache. (…)
      Obwohl das Nichts den Vater verschlungen zu haben schien, spie es ihn nach einigen
      Wochen wieder aus. Im noch frühen Dämmern eines Morgens kam er an vor dem Haus,
      läutete, stapfte die Treppe herauf und stand in der Küche. Ich sah den Vater wieder. Er hatte
      seinen Mantel ausgezogen und stand da. Es stand einer da. Er machte sich den Kragen auf,
      weil ihm bang war. Er zog die Jacke aus, weil er etwas tun wollte. Er sah uns in die
      Gesichter und wir sahen ihm in sein Gesicht. Sein Gesicht zeigte uns Knochen mit Haut
      darüber. Die Zähne waren länger geworden. Die Augen standen eng beisammen in Angst
      und in geduckter Unterwürfigkeit. In das Gesicht waren Prügel geschrieben. Und über dem
      geprügelten Blick stand der Schädel, kahl.
      Der Mann war kahlgeschoren. Er sah in unsere Gesichter und bat uns um Verzeihung. Er bat
      um Verzeihung wegen seines veränderten Wesens. Wie er so unangemessen jammervoll
      hier in der Küche vor uns stand. Geprügelt. Jämmerlich. Und ohne Haar. Schmachvoll
      kahlgeschoren kläglich.
      Freiburger Juden: ausgegrenzt, ausgeraubt, ermordet
      Arbeitskreis Landeskunde/Landesgeschichte am RP Freiburg
      An jener Stelle Mitleid in mir riss etwas. Es entstand eine radikale Verletzung, die den Fluss
      des Lebens zwang, eine andere Richtung zu nehmen. Himmel und Erde, Nacht und Tag
      hatten sich verändert. Es wurde alles anders für immer. Die Wahrheit hatte eingeschlagen.
      (…)
      Die nächste Wochen ohne Haar waren schwierig zu überbrücken. Der Vater konnte
      außerhalb des engsten Freundeskreises den Hut nicht abnehmen. Denn das gab es ja nicht
      in Deutschland, dass einer kahlgeschoren herumlief. Das gab es bei Strafgefangenen, aber
      nicht bei unbescholtenen Bürgern. Und auf solche Weise, die es in Deutschland nicht gab,
      herumzugehen, war Anklage, war Widerstand und lebensgefährlich. Von einer Reise, die
      man gemacht hatte, kam man nicht mit nacktem Schädel zurück.
      Aber es wuchsen Stoppeln, und sie wurden länger, und das Haar legte sich schließlich, weiß
      geworden, wieder über den Kopf. Die ins Gesicht geschriebenen Prügel und anderes nicht
      Ausgesprochenes überwuchsen nach Jahren. Es blieben jedoch kahle Stellen

      (Quelle Freiburger Juden 1933-1945 :
      ausgegrenzt, ausgeraubt, ermordet http://www.schule-bw.de/unterricht/faecheruebergreifende_themen/landeskunde/modelle/epochen/zeitgeschichte/ns/freiburg/s1.pdf)

    2. David HarnaschDavid Harnasch

      Thomas Wolf, vielen Dank für diese interessanten Hintergründe!

    3. Thomas WolfThomas Wolf

      Gerne, ich hatte vor einiger Zeit einmal das lesenswerte Buch Paepcke, Lotte/Mayer, Max: Ein kleiner Händler, der mein Vater war: eine deutsch-jüdische Geschichte. gelesen, konnte mich an die Einzelheiten aber nicht mehr erinnern.

  2. Mädi EckerfeldMädi Eckerfeld

    In der Straße habe ich als Kind gewohnt 😀

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